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GESCHICHTE |
DIE JAANIKIRCHE IN TALLINN Unmittelbarer Anlass zur Errichtung der Jaanikirche in Tallinn war der Umstand, dass die trditionell der estnischen Gemeinde gehörende Heiliggeistkirche im historischen Zentrum der Stadt für die auf 14 000 Mitglieder angewachsene Gläubigenschar zu klein geworden war. Bereits 1851 begann man Geld für den Bau zu sammeln. Vom Tallinner Magistrat, dem Patron, erhielt man die Erlaubnis, das Bauerwerk auf einem Grundstück der Domgilde ausserhalb der Stadtmauer zu errichten.
Den Entwurf für die Jaanikirche bestellte man beim gebürtigen Tallinner Christoph August Gabler (1820-1884), der den Beruf eines Architekten an der Peterburger Akademie der Künste erworben hatte und von 1859 bis zu seinem Tode als Gouvernementsarchitekt von Estland wirkte.
Während der fünfjährigen Bauarbeit an der Jaanikirche besorgte C. A. Gabler die hauptsächliche Aufsicht, Baumeister und Arbeitsleiter war Carl Sensenberg. In der Anfangsperiode war die Fundamentgründung am aufwendingsten, da der Standort auf dem gefüllten ehemaligen Wallgraben lag - in den weichen Boden wurden Dutzende starker Eichenstämme gerammt.
Der Grudstein für die Kirche wurde am 8. September 1862, dem Tag des tausendjährigen Jubiläums von Russland, gelegt. Auf Vorschlag des Gemeindepastors Theodor Luther hiess man in Anlehnung an den Evangelisten Johannes den Namen Jaanikirche gut.
Am 17. Dezember 1867 wurde die neue Kirche, das Gemeinschaftswerk zahlreicher estnischer, deutscher und russischer Maurer, Zimmerleute, Tischler, Glaser, Stukkateure und Maler, Hunderter freigiebiger Spender und der Gemeinde, unter Teilnahme vieler hochgestellter Gäste und einer grossen Menschenmenge eingeweiht. Die neue Gemeinde erhielt zahlreiche Spenden: eine Glocke, Altarleuchter, Kronleuchter, ein Taufbecken und einen Becher.
Die dem kanonisierten neugotischen Stil entsprechende Jaanikirche besteht aus einem dreischiffigen Langhaus, dem sich im Westen ein Turm mit Zeltdach, im Osten ein unter gesondertem Dach stehender polygonaler Chorraum, im Norden ein geräumiges Vorhaus und im Süden eine grosse Sakristei anschliesst. Das Langhaus ist von basilikalem Aufbau, dessen Mittelschiff die Seitenschiffe überragt und zusätzlich Licht durch die Gadenfenster unter den Gewölben erhält.
In der Innen- und Aussenarchitektur herrscht der der Gotik entliehene Spitzbogen vor. Aus der gotischen Architektur stammen auch die runden Fensterrosen über dem Hauptportal und an den Wänden des nördlichen Vorhauses /sie symbolisieren das Schweigen), dazu die hölzernen Masswerkrahmen der Fenster im Flamboyantstil.
Bei der baukünstlerischen Gestaltung der Kirche verwendete C. A. Cabler auch Motive der hiesigen, besonders der Talliner Gotik. In der Aussenarchitektur sind es die im Portalaufbau vorkommenden profilierten Zwischenplatten bzw. Kämpfer zwischen den spitzbogigen Archivolten und der Leibung, die ein wichtiges Merkmal der Talliner Bauschule des 15. Jahrhunderts waren. Im Inneren zeigen sich die als Hängekonsolen gestalteten Gurtbogenausläufer als Motive der Talliner Gotik - im Mittelalter verwendete man sie in der Domkirche, der Nikolai- und der Olaikirche.
Ansprechend gestaltet sind der Altar, die Kanzel, die Orgel mit der Empore, die Türen und das Gestühl. Am dunkel gebeizten Zierrahmen des Altars dominiert die Gestaltung des oberen Teils - der mit geschnitzten Krabben eingefasste dreieckige Giebel wird von schlanken Fialen flankiert. Den Altarisch und -rahmen fertige Meister F. Kühne an.
Das Altargemälde "Christus am Kreuz" stammt vom Mitglied der Petersburger Akademie der Künste Professor Karl Gottlieb Wenig (1830-1894).
Die polygonale Kanzel stellte Meister G. J. Moikow her, den gotisch durchbrochenen Schalldeckel der Schnitzermeister F. Sporleder.
Die 1869 eingeweihte neugotische Orgel von G. Normann erklang bis 1911. Danach baute Aug. Terkmann 1913 eine Orgel mit pneumatischer Traktur, die heute jedoch völlig abgenutzt ist und der Auswechslung bedarf.
An die Gestaltung der Umgebung der Kirche machte man sich um die Jahrhundertwende. Die umfangreichsten Bauarbeiten fanden 1930 statt, als der Vanaduseplatz sein heutiges Aussehen erhielt. Jedoch waren die funktionalistischen und im Stil der Art deco gehaltenen Neubauten der Umgebung im krassen Widerspruch zum neugotischen Gotteshaus, und die damalige Regierung ersah es für richtiger, die Jaanikirche im Gang der Umgestaltung des Vabaduseplatzes abzutragen. An diesen Beschluss hielt man sich auch nach den 1936-1939 stattgefundenen Unterredungen mit der widerstrebenden Gemeinde. Die 1940 einsetzende Okkupation und der folgende Krieg verhinderten die Ausführung dieses Vorhabens. In den 50er Jahren forderten einige avantgardistisch gestimmten Architekten erneut den Abriss der Kirche. Dennoch steht sie bis heute.
Krista Kodres
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